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Wasserstoff in der Luftfahrt: Chancen, Grenzen und realistische Zeitpläne
Unter den an der Energiewende beteiligten Sektoren bleibt die Luftfahrt einer der am schwierigsten zu dekarbonisierenden Bereiche. Der Luftverkehr stützt sich auf hochoptimierte Systeme, die strengen Anforderungen hinsichtlich Sicherheit, Energiedichte, Reichweite und Zertifizierung unterliegen. Im Gegensatz zu anderen Bereichen der Mobilität, in denen die direkte Elektrifizierung bereits weit verbreitet ist, sieht sich die Luftfahrt mit strukturellen Einschränkungen konfrontiert: Das Gewicht des Treibstoffs und die Leistungsanforderungen machen den Übergang zwangsläufig schrittweise und vielschichtig.
Laut dem von der EASA veröffentlichten European Aviation Environmental Report 2025 kann die Reduzierung der Emissionen in diesem Sektor nicht auf einer einzigen technologischen Lösung beruhen, sondern erfordert eine koordinierte Kombination von Maßnahmen: die Verbesserung der Fliegzeugeffizienz, die Optimierung des Betriebs, den Ausbau nachhaltiger Flugkraftstoffe (SAF) und die Entwicklung neuer Antriebsarchitekturen. In diesem Rahmen stellen SAF – einschließlich e-SAF, das unter Verwendung von erneuerbarem Wasserstoff und abgeschiedenem CO₂ hergestellt wird – derzeit den am ehesten umsetzbaren Hebel dar, da sie mit der heutigen Flugzeugflotte und der bestehenden Flughafeninfrastruktur kompatibel sind.
Parallel zu diesem Weg gewinnt das Konzept der Wasserstoffluftfahrt im engeren Sinne an Dynamik, bei dem Wasserstoff direkt als Energieträger an Bord genutzt wird. Dies stellt eine potenziell transformative technologische Richtung dar, die jedoch mit erheblichen technischen und infrastrukturellen Herausforderungen sowie längeren Entwicklungszeiten verbunden ist.
Um die Rolle von Wasserstoff in der Luftfahrt zu verstehen, muss daher zwischen kurzfristigen Lösungen und Technologien, die sich noch in der Entwicklung befinden, unterschieden werden. Nur durch diese realistische Perspektive ist es möglich, Chancen, Grenzen und das voraussichtliche Tempo des Übergangs der Branche hin zu einer kohlenstoffärmeren Luftfahrt einzuschätzen.
e-SAF und Wasserstoff: Integration durch synthetische Kraftstoffe
In der Debatte um die Wasserstoffluftfahrt betrifft eine der konkretesten und realistischsten Anwendungen auf kurze bis mittlere Sicht nicht die Einführung neuer Flugzeuge, sondern vielmehr die Herstellung von elektrochemisch hergestellten nachhaltigen Flugkraftstoffen (e-SAF). Diese synthetischen Kraftstoffe werden durch die Kombination von Wasserstoff, der mittels Elektrolyse mit Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, mit CO₂ hergestellt, das entweder aus industriellen Prozessen oder direkt aus der Atmosphäre abgeschieden wird. Das Ergebnis ist ein flüssiger Drop-in-Kraftstoff, der vollständig mit bestehenden Triebwerken und der Flughafeninfrastruktur kompatibel ist.
Im Gegensatz zu Lösungen, die auf direkter Wasserstoffverbrennung oder Brennstoffzellenantrieb basieren, erfordern e-SAFs keine radikale Neukonstruktion von Flugzeugen oder spezielle Flughafenarchitekturen. Sie können mit herkömmlichem Düsentreibstoff gemischt und in der gesamten aktuellen Flotte eingesetzt werden, wodurch die Kohlenstoffintensität des Flugverkehrs gesenkt wird, ohne die Flugzeugkonfiguration oder die Betriebsabläufe zu verändern. Obwohl bei der Verbrennung von e-SAF weiterhin CO₂ entsteht, kann die Gesamtbilanz nahezu klimaneutral sein, da der emittierte Kohlenstoff dem CO₂ entspricht, das zuvor abgeschieden und wieder in den Kraftstoffkreislauf zurückgeführt wurde.
Auf europäischer Ebene lenkt der Rechtsrahmen den Markt bereits in diese Richtung. Die ReFuelEU Aviation-Verordnung legt schrittweise steigende Vorgaben für die Verwendung nachhaltiger Flugkraftstoffe an EU-Flughäfen fest und schafft damit einen klaren politischen Kurs für die Steigerung der Nachfrage nach SAF und e-SAF. Parallel dazu zielen Initiativen wie die Early Movers Coalition – unterstützt von der Europäischen Kommission – darauf ab, Investitionen in die Produktion nachhaltiger Flugkraftstoffe zu beschleunigen und so zur Entstehung einer speziellen industriellen Wertschöpfungskette beizutragen.
In diesem Zusammenhang stellt e-SAF einen sofort umsetzbaren Weg zur Integration von Wasserstoff in den Luftverkehrssektor dar. Wasserstoff wird zu einer entscheidenden vorgelagerten Komponente der synthetischen Kraftstoffproduktion, auch ohne direkt an Bord von Flugzeugen als Energieträger eingesetzt zu werden. Dieser Ansatz ermöglicht es dem Sektor, die bestehende Infrastruktur zu nutzen und bereits im kommenden Jahrzehnt Emissionsminderungen zu erzielen, während Wasserstofflösungen für die Luftfahrt, die auf neuen Antriebsarchitekturen basieren, über längere technologische Zeiträume hinweg weiter ausgereift werden.
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Wasserstoff in der Luftfahrt: langfristige Lösungen
Während e-SAF einen pragmatischen Weg zur Integration von Wasserstoff in die Luftfahrt bieten, ohne die Architektur bestehender Flugzeuge zu verändern, eröffnet der direkte Einsatz von Wasserstoff an Bord ein grundlegend anderes Szenario. In diesem Fall beschränkt sich die Herausforderung nicht mehr darauf, den Treibstoff zu wechseln und dabei die heutige Luftfahrtinfrastruktur beizubehalten; vielmehr geht es darum, sowohl die Antriebssysteme als auch das Flugzeugdesign selbst teilweise neu zu überdenken.
Bei der Diskussion über die Wasserstoffluftfahrt im engeren Sinne ist es daher unerlässlich, zwischen zwei unterschiedlichen technologischen Ansätzen zu unterscheiden: direkte Wasserstoffverbrennung und Brennstoffzellen-Elektroantrieb. Beide Lösungen nutzen Wasserstoff als Energiequelle, basieren jedoch auf unterschiedlichen Luftfahrtakkturen, weisen unterschiedliche Reifegrade auf und richten sich an verschiedene Betriebssegmente der Luftfahrt.
Während e-SAF den weiteren Einsatz der bestehenden Flotte ermöglichen, erfordern diese beiden Wege die Entwicklung neuer Flugzeugplattformen, neuer Konfigurationen und spezieller Infrastruktur-Ökosysteme. Daher wird erwartet, dass ihre kommerzielle Einführung deutlich längere Entwicklungszeiträume in Anspruch nehmen wird.
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Direkte Wasserstoffverbrennung
Ein möglicher Weg für die Wasserstoffluftfahrt besteht darin, Wasserstoff als Treibstoff in entsprechend angepassten Strahltriebwerken einzusetzen. Dieser Ansatz bewahrt ein wichtiges Element der Kontinuität mit bestehenden Luftfahrtstrukturen:die zugrunde liegende Antriebslogik bleibt weitgehend unverändert, wodurch die technologische Diskontinuität im Vergleich zur Einführung vollelektrischer Antriebssysteme verringert wird.
Die größten Herausforderungen liegen nicht im Verbrennungsprozess selbst, sondern vielmehr im Treibstoff und dessen Integration in das Flugzeug. Für den Einsatz in der Luftfahrt muss Wasserstoff in flüssiger Form (LH₂) gespeichert werden, was erhebliche Auswirkungen auf die Flugzeugkonstruktion hat. Kryogene Tanks erfordern deutlich größere Volumina als herkömmliche Flugtreibstoffe und wirken sich direkt auf die Flugzeugkonfiguration, die Gewichtsverteilung und die Reichweite aus. Infolgedessen wird eine umfassende Neugestaltung der Flugzeugarchitektur erforderlich, was sich potenziell auf das Gesamtgewicht und die Betriebsleistung auswirken kann.
Ein weiterer kritischer Aspekt betrifft die Stickoxidemissionen (NOx). Während die Wasserstoffverbrennung treibstoffbedingte CO₂-Emissionen eliminiert, bleibt die Bewältigung von Nicht-CO₂-Effekten ein wichtiger Konstruktionsaspekt und ein aktives Forschungsgebiet im Rahmen europäischer Programme für nachhaltige Luftfahrt.
Studien, die im Rahmen des Gemeinsamen Unternehmens „Brennstoffzellen und Wasserstoff“ durchgeführt wurden, sowie die in der Strategischen Forschungs- und Innovationsagenda für saubere Luftfahrt definierten Forschungsschwerpunkte deuten darauf hin, dass die Wasserstoffverbrennung in Strahltriebwerken technisch machbar ist. Allerdings sind noch erhebliche Fortschritte bei der Kraftstoffintegration, der Flugzeugkonstruktion und dem Management der Bordsysteme erforderlich, bevor ein groß angelegter kommerzieller Einsatz erreicht werden kann.
Elektroflugzeug mit Brennstoffzelle
Ein zweiter technologischer Weg für die Wasserstoffluftfahrt ist der B Brennstoffzellen-ElektroantriebB , bei dem B Wasserstoff in Strom umgewandelt wird, um Elektromotoren anzutreibenB . Dieser Ansatz verzichtet vollständig auf Verbrennung und nutzt die hohe Energieeffizienz elektrochemischer Systeme, was ihn besonders attraktiv für Kurzstreckenflüge macht.
Laut der europäischen Studie „Hydrogen-powered aviation (2020)“ betreffen die realistischsten mittelfristigen Anwendungen Pendler- und Regionalflugzeuge, bei denen die Anforderungen an Reichweite und Kapazität besser mit den aktuellen Leistungsfähigkeiten von Elektroantrieben und Brennstoffzellen übereinstimmen. In diesen Bereichen könnte der wasserstoffelektrische Antrieb die Emissionen erheblich reduzieren und laut mehreren Studien auch den Betriebslärmpegel senken.
Dennoch bestehen weiterhin große technologische Herausforderungen. Zu den zentralen Themen gehören die Verbesserung der Leistungsdichte von Brennstoffzellen, das Management thermischer Belastungen, die Entwicklung leistungsfähiger Leistungselektronik sowie die Erlangung der Luftfahrtzulassung für völlig neue Antriebsarchitekturen. Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordert Fortschritte sowohl in der elektrochemischen Forschung als auch in der Entwicklung fortschrittlicher elektrischer Flugzeugsysteme.
Insgesamt stellt der Brennstoffzellen-Elektroantrieb eine der vielversprechendsten Richtungen für die Einführung von Wasserstoff im Luftverkehr dar, insbesondere im Regionalflugverkehr, wo das Verhältnis zwischen Leistung, Gewicht und Reichweite mittelfristig günstiger erscheint.
Flughafeninfrastruktur: von e-SAF bis hin zu flüssigem Wasserstoff
Kurz- bis mittelfristig erfordert die Integration von Wasserstoff in die Luftfahrt mittels e-SAF keine radikale Umgestaltung der Flughafeninfrastruktur. Synthetische Kraftstoffe, die aus erneuerbarem Wasserstoff und abgeschiedenem CO₂ hergestellt werden, sind als Drop-in-Kraftstoffe konzipiert und somit vollständig kompatibel mit bestehenden Triebwerken, Kraftstofflagersystemen und den derzeitigen Betankungsverfahren.
Diese Kompatibilität ist einer der wichtigsten Faktoren für ihre Einführung: die Flughafeninfrastruktur kann weitgehend unverändert bleiben, während sich die Zusammensetzung des Flugkraftstoffs schrittweise weiterentwickelt. Aus dieser Perspektive konzentriert sich die e-SAF-Lieferkette in erster Linie auf die vorgelagerten Bereiche – auf die industrielle Großproduktion, den Zugang zu erneuerbarem Strom und die effiziente CO₂-Abscheidung – und weniger auf betriebliche Anpassungen innerhalb der Flughäfen selbst.
Die Situation ändert sich erheblich, wenn man die direkte Nutzung von Wasserstoff als Energieträger an Bord betrachtet. In diesem Fall erfordert die Entwicklung eines Wasserstoff-Luftfahrt-Ökosystems eine viel tiefgreifendere infrastrukturelle Transformation entlang der gesamten Wertschöpfungskette: Wasserstoffproduktion, Verflüssigung, Transport, kryogene Speicherung, spezielle Betankungssysteme und neue Sicherheitsverfahren.
Analysen, die im Rahmen europäischer Programme wie Clean Aviation durchgeführt wurden, deuten darauf hin, dass dieser Infrastrukturwandel schrittweise und sorgfältig koordiniert erfolgen wird. Langfristig könnten sich Flughäfen zu echten Energiehubs entwickeln, die die lokale Erzeugung erneuerbarer Energien, Energiespeichersysteme und das Management verschiedener Energieträger integrieren. Es wird jedoch erwartet, dass sich diese Entwicklung über einen deutlich längeren Zeitraum vollzieht als die Einführung von e-SAF.
In diesem Szenario scheint der Übergangsprozess auf zwei parallelen Ebenen zu verlaufen: Kurzfristig ermöglichen synthetische Kraftstoffe die Integration von Wasserstoff ohne strukturelle Veränderungen an den Flughäfen; langfristig wird die Einführung von flüssigem Wasserstoff als direkter Flugkraftstoff eine umfassendere Umgestaltung der Infrastruktur erfordern, die durch technologische Innovationen und eine koordinierte industrielle Entwicklung unterstützt wird.
Wasserstoff und SAF: sich ergänzende, nicht konkurrierende Lösungen
Auf dem Weg zur Dekarbonisierung des Luftverkehrs sollten nachhaltige Flugkraftstoffe (SAF) und Wasserstoff nicht als konkurrierende Alternativen betrachtet werden, sondern als sich ergänzende Instrumente, die in unterschiedlichen Zeiträumen und Anwendungsbereichen zum Einsatz kommen.
Aus erneuerbarem Wasserstoff und abgeschiedenem CO₂ hergestellter e-SAF stellt derzeit die am schnellsten einsetzbare Lösung dar und kann in der bestehenden Flotte als Drop-in-Kraftstoff verwendet werden, ohne dass wesentliche Änderungen an Triebwerken oder der Flughafeninfrastruktur erforderlich sind. Im Gegensatz dazu gehört Wasserstoff, der direkt an Bord von Flugzeugen verwendet wird, zu einem eher strukturellen, langfristigen Transformationspfad.
In diesem Zusammenhang erscheint die Dekarbonisierung der Luftfahrt nicht als Wahl zwischen sich gegenseitig ausschließenden Optionen, sondern vielmehr als eine Multi-Technologie-Strategie. Kurz- bis mittelfristig stellt SAF – einschließlich wasserstoffbasiertem e-SAF – das realistischste Mittel zur Reduzierung der Emissionen der heutigen Flotte dar. Langfristig kann Wasserstoff als direkter Energieträger dazu beitragen, bestimmte Flugzeugarchitekturen neu zu gestalten und das Potenzial für strukturelle Emissionsminderungen zu erweitern.
Die Komplementarität dieser Lösungen ist daher eines der Schlüsselelemente für das Verständnis der Entwicklung der Wasserstoffluftfahrt im Rahmen der umfassenderen Energiewende im Luftverkehrssektor.
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